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Sollte man wirklich auf Gluten verzichten?

Die – generell positiv zu bewertende – höhere Sensibilität für Ernährungsfragen schießt bisweilen übers Ziel hinaus. Ein Beispiel dafür ist die aktuelle Aufregung um glutenfreie Lebensmittel.


Aus medizinischer Perspektive ist es zu begrüßen, dass sich immer mehr Menschen fragen: „Woraus besteht mein Essen eigentlich genau? Und tut es mir wirklich gut?“ Schließlich kann Gedanken- und Sorglosigkeit bei der Ernährung schlimme Folgen haben, von Übergewicht über „Arterienverkalkung“ bis hin zu Leberschäden.

Nicht immer jedoch richtet sich der Ernährungsehrgeiz auf die richtigen Ziele. Das lässt sich aktuell bei der wachsenden Vorliebe für glutenfreie Lebensmittel beobachten.

Gluten ist das sogenannte Klebereiweiß, das in Getreide vorkommt und einer Vielzahl weiterer Ernährungsprodukte als Bindemittel beigemischt wird. Gerade diese Bindeeigenschaft hat es in Verruf gebracht. Gluten verklebe förmlich den Körper und könne so zu verschiedenen Erkrankungen führen, lautet der Verdacht. Dieser zieht so weite Kreise, dass die Supermarktregale mittlerweile vor glutenfreier Nahrung überquellen. Und die Verbraucher greifen beherzt zu, ungeachtet der höheren Preise.

Nur Zöliakie-Patienten müssen Verzicht üben
Diese Mehrausgaben samt den Einschränkungen bei der Lebensmittelauswahl können sich die meisten Menschen jedoch sparen. „Wer nicht unter Zöliakie – einer Gluten-Unverträglichkeit, die zu Autoimmunreaktionen führt – leidet, tut sich mit dem Verzicht auf Gluten keinen Gefallen“, betont der Internist und Hausarzt Dr. Walter Mildenberger aus Falkensee bei Berlin. Der Herzexperte verweist auf eine kürzlich publizierte Langzeitstudie, die in den USA durchgeführt wurde.

Die im „British Medical Journal“ veröffentlichte Metaanalyse stützt sich auf über 24 Jahre erhobene Gesundheits- und Ernährungsdaten von circa 110.000 Patienten. Diese wurden gemäß ihrer Glutenaufnahme in fünf Kategorien gegliedert. Die Auswertung ergab, dass die Gruppe mit dem geringsten Glutenkonsum ebenso häufig von koronarer Herzerkrankung betroffen war wie die mit dem höchsten.

Zwar bezieht sich diese Aussage nur auf eine Erkrankung, doch kann diese durchaus als Indikator für die allgemeine Herz-Kreislauf-Gesundheit gelten. Dr. Mildenberger bringt es auf den Punkt: „Der Verzicht auf Gluten führt offenbar nicht zu einem geringeren kardiovaskulären Risiko.“ Genau dies behaupten indes so manche Ernährungsratgeber. 

Studien-Mitautor Benjamin Lebwohl von der New Yorker Columbia University warnt sogar vor einem strengen Glutenverzicht. Wer Vollkornnahrung vom Speiseplan verbannt, schadet dem Herz-Kreislauf-System damit potenziell – unter anderem weil Vollkornprodukte die Blutfettwerte verbessern. Hinzu kommt, dass glutenfreie Produkte oftmals mehr Zucker und Fett enthalten als ihre „klassischen“ Pendants.

Wer also keine Darmbeschwerden durch glutenhaltige Nahrungsmittel feststellt – was eine unverzügliche ärztliche Abklärung zur Folge haben sollte, da eine Zöliakie vorliegen könnte –, kann die teuren glutenfreien Alternativen guten Gewissens im Regal liegen lassen. Das gilt Schätzungen zufolge für rund 99 Prozent der Bevölkerung.