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Wo beginnt Bluthochdruck?

Insbesondere seit in den USA kürzlich der Grenzwert für Bluthochdruck auf 130/80 gesenkt wurde, wird auch hierzulande wieder verstärkt über die Schwelle zur Behandlungsbedürftigkeit debattiert.


Bluthochdruck-Patient per Federstrich: Das passierte vor wenigen Monaten gut 30 Millionen US-Amerikanern. Eine Fachkommission der American Heart Association und des American College of Cardiology war zu dem Schluss gekommen, dass der Bluthochdruck-Grenzwert von 140 auf 130 (systolisch) und von 90 auf 80 (diastolisch) gesenkt werden sollte. Nach dieser Richtlinie ist nunmehr fast jeder dritte US-Bürger von Bluthochdruck (Hypertonie) betroffen.

Grundlage dieser Entscheidung ist im Wesentlichen die in den USA durchgeführte sogenannte SPRINT-Studie. Sie basiert auf Untersuchungen an rund 9.300 Probanden. Laut den im Herbst 2015 veröffentlichten Resultaten sinkt das Risiko kardiovaskulärer Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall deutlich, wenn der systolische Wert auf unter 120 gesenkt wird.

An der Methodik dieser Studie und der Übertragbarkeit ihrer Ergebnisse in die medizinische Praxis gab es allerdings von Beginn an Zweifel in der Forschergemeinschaft. So wurde beispielsweise der Blutdruck mit einem automatischen System ohne Zutun medizinischer Fachkräfte gemessen. Damit sind die Werte nicht direkt mit den in einer ärztlichen Praxis gewonnenen vergleichbar, denn in dieser kommt es erfahrungsgemäß zum „Weißkitteleffekt“: Der Blutdruck liegt aufgrund der Untersuchungssituation höher als normal. Auch das Studiendesign wird vielfach kritisiert. Der in Falkensee praktizierende Internist Dr. Walter Mildenberger etwa hält „die SPRINT-Studie für methodisch so fragwürdig, dass die Ergebnisse aus meiner Sicht nicht auf Deutschland übertragbar sind“.

In Deutschland bleiben die Grenzwerte unverändert
Dieser Meinung ist offenbar auch die Deutsche Hochdruckliga, die ihre Grenzwert-Empfehlung bei 140/90 belassen will. Die entsprechenden medizinischen Fachgesellschaften folgen dieser Leitlinie, wenngleich es Stimmen gibt, die eine Absenkung der Schwelle fordern. In Österreich beispielsweise wurde der US-Grenzwert übernommen. Die Kritiker einer solchen Maßnahme weisen darauf hin, dass eine zu starke Blutdrucksenkung auch Risiken berge – von plötzlicher Ohnmacht wegen Kreislaufschwäche über Potenzstörungen bis hin zu Nierenversagen.

Darüber hinaus sollten pauschale Grenzwerte ohnehin nicht orthodox für jeden Patienten übernommen werden. Entscheidend ist das individuelle Gesamtbild, zu dem unter anderem Vorerkrankungen und Medikation gehören. „Man muss den Grenzwertnutzen bei einem multimorbiden Patienten mit Polypharmazie (regelmäßige Einnahme mehrerer Medikamente; Anm. d. Red.) sicherlich anders sehen als bei einem monomorbiden Patienten, bei dem es um die Kontrolle des kardiovaskulären Risikofaktors zur Verhinderung eines Herzinfarktes geht“, betont Herzmediziner Dr. Mildenberger. Das bedeutet, dass ein systolischer Wert von 130 bei dem einen Patienten eine medikamentöse Behandlung nahelegen kann, bei einem anderen hingegen nicht.

Empfehlenswert ist es jedoch für alle Patienten, steigenden Blutdruckwerten mit einer Änderung des Lebensstils zu begegnen. Wer sich gesund ernährt, regelmäßig (Ausdauer-)Sport treibt, aufs Rauchen und auf übermäßig viel Alkohol verzichtet sowie Stress vermeidet, kommt in der Regel gar nicht erst in die Nähe kritischer Werte.